• Daniel Feigenbutz

„Etikettenschwindel“ bei der Europawahl? - Warum nicht nur die „alten“ Parteien scheitern


Letzten Sonntag ging gefühlt ein Raunen durch ganz Deutschland, als am Wahlabend die ersten Prognosen über die Flimmerkiste liefen. Die „großen“ Parteien verloren deutlich, die „kleinen“ legten deutlich zu.


Meiner Meinung nach - und mehr als meine persönliche Sicht ist es nicht, auch ohne Anspruch auf Gültigkeit oder Recht-haben - haben wir es hier mit einem gesellschaftlichen Thema zu tun, das sich nicht nur auf die Politik erstreckt, sondern weit darüber hinaus geht. Es ist das Thema des „Etikettenschwindels“, der immer weniger funktioniert - und das finde ich gut so.


Ein einfaches Beispiel: wenn ich ein Glas Honig nehme und darauf ein Etikett mit der Bezeichnung „Erdbeermarmelade“ klebe, dann ist der Inhalt zwar immer noch süß, hat aber wenig mit dem Etikett zu tun. Jemand, der keinen Honig kennt, wird den Inhalt für Erdbeermarmelade halten; wer Honig kennt, wird sagen - da stimmt was nicht, da ist ja gar nicht drin, was drauf steht. Das nennt man Etikettenschwindel.


Der Bezug zur Europawahl? Wenn in dem Glas jetzt ein Haufen heißer Luft drin ist in Form von vielen Versprechungen, die in den letzten Jahren gemacht, aber kaum umgesetzt wurden (z. B. zum Klimawandel, aber auch zu vielen anderen Themen), auf dem Etikett aber steht „Lösungen zum Klimawandel“, dann merkt man irgendwann, dass der Inhalt nicht zum Etikett passt. Etikettenschwindel. Ich behaupte nicht, dass überall nur heiße Luft drin war - es reicht, wenn der Eindruck entsteht, dass es so ist.


Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem. Es scheint schon fast zum Reflex geworden zu sein, entweder mit dem Finger auf die zu zeigen, die auf den Etikettenschwindel aufmerksam machen - oder einfach das Etikett zu wechseln, in der Hoffnung, dass das schon keiner merkt - oder glaubt, es hätte sich wirklich etwas verändert. Andere Farbe, andere Bezeichnung - passt. (Übrigens sind das beliebte Marketingstrategien - wie erreiche ich Menschen bzw. verführe ich sie zum Kauf meines Produktes, ohne wirklich etwas am Produkt zu tun - schaut Euch beispielsweise mal den Lobbyismus der Lebensmittelindustrie an, wenn es darum geht, auf die wirklichen Inhaltsstoffe auf Verpackungen aufmerksam zu machen. Da wird sogar um Schriftgrößen und Platzierungen gekämpft, damit es weniger auffällt. Freundlich formuliert nennt man das "Austricksen", weniger freundlich - ach, da fällt Euch schon selbst was ein; auch, wo Euch sowas sonst noch begegnet.)


Vermutlich wird jedem einleuchten, dass da etwas nicht stimmt und dass es so auch nicht funktionieren kann, zumindest nicht auf Dauer. Wir alle - und da nehme ich mich ganz sicher nicht aus - neigen im ersten Moment oft dazu, den Fehler bei anderen zu suchen, wenn wir "einen Spiegel vorgehalten bekommen". Der (wunde) Punkt ist, dass wir bei uns schauen müssten - im Innen, nicht im Außen -, und das ist erst mal unbequem. Veränderungen fallen uns selten wirklich leicht, zumindest bei Themen, die ans Eingemachte gehen.


Anstatt also immer wieder neue Etiketten zu kleben, müssen wir uns um den tatsächlichen Inhalt kümmern. Auch die Parteien. Herausfinden, was die Menschen wirklich bewegt - und das dann ehrlich Ernst nehmen und dafür Lösungen entwickeln. Ansonsten geht der Absturz unaufhaltsam weiter, denn wir leben in einer Zeit, wo die Wahrheiten immer mehr ans Licht kommen, Etikettenschwindel aufgedeckt wird - je nach Kontext nennt man es „aufwachen“, „hinter den Schleier schauen“ oder auch „Transformation“.


Ach ja - wo die Inhalte stimmen, ist das Etikett (fast) egal.

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